Von Zweifeln an unserer Wirtschaft

Natürlich kann man mir vorwerfen, das ich von der Materie über die ich hier schreibe keine Ahnung habe. Natürlich kann man mir vorwerfen, dass ich voreingenommen bin und hier einfach nur wohlfeile Meinungen vertrete ohne mich tiefgründig damit beschäftigt zu haben. Dennoch gibt es so Momente im Leben, da bekommt man einfach den Eindruck, dass etwas nicht stimmt.
So ging es mir heute, als ich mich in die Bibliothek gesetzt habe und mir ein Buch derer Volkswirtschaftslehre aus dem Regal nahm. Ich wollte dieses Gedankengebilde schon immer verstehen, nachvollziehen wie die Menschen denken, die sich mit „Wirtschaft“ beschäftigen. Also schlug ich das Buch auf, was ich da fand: „Grundzüge der Volkswirtschaftslehre“ von Mankiw und Taylor in der 5. Auflage, wahrscheinlich in zweifelhafter Übersetzung. Direkt am Anfang wollten mir die Autoren zeigen, die VWL beschriebe „Wie Menschen Entscheidungen treffen“ (S. 4). Dafür werden im Buch „zehn volkswirtschaftliche Regeln“ aufgeführt, von denen ich bis zur ersten kam, bevor ich zu zweifeln begann. Nachdem zunächst die Essenz der ersten Regel zusammengefasst wurde als „‚There is no free lunch‘“ wurde auf Seite 5 dieses Standardwerkes in unserer Bibliothek (immerhin gab es von diesem Buch in den verschiedenen Auflagen doch die meisten Exemplare) dem Leser dargelegt: „Ein […] Zielkonflikt unserer Gesellschaft besteht zwischen Effizienz und Gerechtigkeit. Effizienz bedeutet, dass die Gesellschaft aus ihren Knappen Ressourcen das meiste rausholt. Gerechtigkeit bedeutet, dass die Nutzungen aus jenen Ressourcen fair unter den Bürgern verteilt werden.“ (Unterstreichung von einem vorherigen Leser des Buches)
Es wurden die klassischen Tortenanalogien gebraucht um dem Leser alles schön bildlich vorstellbar zu machen und gesagt, dass je gleichmäßiger die Größe der Tortenstücke, desto kleiner würde der Kuchen. Bzw. in den Worten der Autoren: „Versucht die Regierung den ökonomischen Kuchen in gleichmäßige Stücke zu schneiden, wird der ganze Kuchen kleiner.“ Ich fragte mich hier bereits, ob mein Kuchen zuhause eine Ausnahme von dieser Regel war, ob dies nur der Fall sei wenn Regierungen Kuchen schneiden oder ob die Analogie nicht so passend gewählt war. Was ich mich aber auch fragte war, ob diese Meinung, also dass Effizienz und Gerechtigkeit einen Zielkonflikt darstellen, überhaupt wissenschaftlich haltbar war.
Eine schnelle Recherche bei Google förderte zu Tage, dass dieses Problem in der englischsprachigen Literatur unter „efficiency and equality trade-off“ verhandelt wird. Außerdem zeigte sich bei meiner Literaturrecherche auch ziemlich schnell, dass diese in der Einführungsliteratur als wahr angenommene/dargestellte These keineswegs unumstritten ist in der Wirtschaftswissenschaft. So werden in einem politikwissenschaftlichen Arbeitspapier einige Studien und Primärtexte zusammengetragen, in denen sich auch gegenteilige Effekte zeigen. Natürlich kommt die Autorin dann auch schnell zu dem Ergebnis „In general, the majority of recent works devoted to the issue seem to imply that the belief in a trade-off between efficiency and equality is not well grounded in empirical evidence.“ Sie tut dies, weil sie die These vertritt, dass sozialdemokratische Politiker sich im politischen Diskurs dieser These bedienen um einzelne Entscheidungen zu rechtfertigen bzw. obwohl dies einem Teil ihrer Politik zuwiderläuft. Allerdings sollte, auch unabhängig davon, zu welchem Zwecke diese Artikel nun zusammengetragen wurde, die Tatsache dass es sie gibt die Frage zulassen, warum effeciency and equality trade-off Hypothese so weit verbreitet ist.
An dieser Stelle lässt sich durchaus die Frage stellen, ob es vielleicht etwas damit zu tun hat, dass Menschen die sich dem Studium des Faches VWL widmen bereits am Anfang ihres Studiums mit vermeintlichen Wahrheiten konfrontiert werden, die nicht einmal nur eine ausreichende empirische Begründung im Buch vermissen lassen sondern deren Gültigkeit sogar in mehreren Studien stark angezweifelt wird.
Natürlich kann ich die Aussagekraft der zitierten Studien nicht beurteilen und natürlich verstehe ich auch nicht unter welchen Bedingungen die Hypothese vielleicht ihre Berechtigung hat. Dennoch frage ich mich, ob ein Lehrbuch solche Thesen ohne Angabe einer empirischen Begründung überhaupt vertreten sollte, da das gesamte Buch ohne Quellenangabe geschrieben wurde. Ich jedenfalls habe die Idee einer weiteren Beschäftigung mit dem Thema bereits auf Seite 5 vorerst verworfen. Vielleicht kann ich mich ja in einer unkritischeren Geisteshaltung, wie sie einem Roman gebürt, ja eines Tages erneut der Materie widmen.

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